Ausschreibungstext:„Auch die 5. transNATURALE wird vom 28. bis 30. August 2009 unterschiedliche inhaltliche Aspekte des landschaftlichen, energiewirtschaftlichen wie sozialen Transformationsprozesses beleuchten und dabei Relationen zwischen Natur, Zivilisation und Künstlichkeit untersuchen. Der 26 km lange Kunstparcours rund um den Bärwalder See bietet dabei wiederum die Chance, die ehemalige Tagebaulandschaft mit bildnerischen Mitteln zu entziffern, zu kommentieren und visionär (um-)zu deuten.“

Stamm Tetraeder
ProjektbeschreibungTransNATURALEIn AISTHESIS bezeichnet Foucault den Garten als eine der ältesten Heteropien der Welt mit widersprüchlichen Platzierungen, also als anderen Raum, in dem als Gegenplatzierung und tatsächlich realisierter Utopie, wirkliche Plätze gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet werden.1 Heute sind Gärten und Parks Raum idealisierter Naturvorstellungen, illusionistischer wie auch funktionalisierter Erlebnis- und Erholungsraum.
Im Naturerleben des heutigem Mittel- und Nordeuropäers widerrum, trifft er bei seiner Ertüchtigung und Erholung in den Wäldern einer vermeintlich “freien Natur”, – also außerhalb von Gärten – , bei Wanderungen und Spaziergängen auf das allgegenwärtige Bild abgeschnittener Baumstämme, die ordentlich aufgestapelt an den Wegrändern liegen und die tatsächliche Funktionalisierung von Naturflächen als Wirtschaftsraum verdeutlichen.


Das Bild des Stammstapels gibt das zwischen Natur, wirtschaftlicher Nutzung, Ausbeutung von Naturflächen und Naturvorstellungen bestehende Spannungsverhältnis in verdichteter Form wider. Dieses uns allen vertraute Bild nehme ich und verändere es. Die Baumstämme werden um circa 45° gekippt und mit einem Teil in die Erde eingegraben. An ihrer Oberfläche sind transparente Schilder mit Barcodes angebracht. Dabei werden die Stämme so geschichtet, dass ihre Schnittflächen zusammen eine annähernd dreieckige Fläche bilden, deren untere Kante kurz über dem Boden liegt. Auf diese Weise entsteht, zieht man das Volumen der im Erdreich verborgenen Stämme ab, ein Tetraeder – also eine Pyramide mit dreieckiger Grundfläche.
Man kennt die Pyramide aus den Landschaftsgärten der europäischen Romantik 2, wo sie als Grabmal, Kenotaph oder Denkmal und zum Teil auch als Eiskeller errichtet wurden. Prominente Beispiele sind hier die von Philippe von Orléans im Park von Monceau bei Paris errichtete Pyramide, die Pyramide des Marquis de Montesquieu in Maupertius in einem “jardin pittoresque” als illusionistischem Erlebnisraum und natürlich die Toteninsel mit Pyramide des Fürsten von Pückler-Muskau.
Letztgenanntes Beispiel greift der Baumstamm-Tetraeder als regionalen Bezug auf. Er ist einerseits doppelter Verweis auf die Pyramiden der Landschaftsgärten des 18. und 19. Jahrhunderts, die ihrerseits als kulturelle Erinnerung auf die ägyptischen Pyramiden verweisen. Andererseits ist er selbst Denkmal: Die Codes auf den Barcode-Schildern beinhalten die Namen der für den Kohleabbau im Lausitzer Kohlerevier devastierten Orte, mit sorbischen Namen, Jahr des Abbruchs, Zahl der umgesiedelten Bewohner.
Die Schnittflächen an der dreieckigen Sichtfläche des Tetraeders werden in Gold gefasst. An dieser reflektierende Fläche nun spiegeln sich Betrachter und Umgebung und bilden einen unwirklichen Raum, der sich virtuell hinter der Oberfläche auftut und in dem der Betrachter sich dort erblickt, wo er abwesend ist: in der Utopie des Spiegels und in der Utopie eines Parks.
Dieser letzte ästhetische Aspekt steht mit dem utopischen Raum der Spiegelung für Imagination und weist somit in die Zukunft des Parks und der Region.
1 MICHEL FOUCAULT – Andere Räume – in: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, S. 34 – 46
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